Film & Gespräch Alvin Lucier

Thinking Together – Film & Gespräch

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„No Ideas but in Things – The composer Alvin Lucier“
Ein Film von Viola Rusche und Hauke Harder
D 2012, 96 Min., Farbe, in englischer Sprache
Buch und Regie: Viola Rusche & Hauke Harder
Kamera: Martin Zawadski
Montage: Viola Rusche
Ton: Hauke Harder
Gefördert von der Filmwerkstatt Kiel der Filmförderung Hamburg-Schleswig Holstein GmbH

Gespräch mit Alvin Lucier, Viola Rusche und Hauke Harder

In englischer Sprache
Eintritt frei
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Der Komponist Alvin Lucier (geb. 1931) ist ein Pionier der experimentellen Musik in den USA. Als Gründungsmitglied des Komponistenkollektivs SONIC ARTS UNION (1966- 76) gehört er zu den frühesten Vertretern der live-elektronischen Musik. Seit dieser Zeit entwickelt Lucier Kompositionen und Installationen, die sich Klangphänomenen wie Resonanzen, Echos und Interferenzen widmen.

No Ideas but in Things - diese Zeile des Dichters William Carlos Williams zitiert Alvin Lucier gern, wenn er zu seiner künstlerischen Haltung befragt wird. Das Zitat gibt auch die Linie unseres Films vor, Lucier vor allem anhand seiner Werke vorzustellen. Getreu dem Motto „Don’t ask me what I mean, ask me what I’ve made“ wird Lucier bei Konzertreisen nach Den Haag und Zug (Schweiz) begleitet. Die Spanne reicht von Aufführungen der frühen live-elektronischen Werke der sechziger und siebziger Jahre („Music for solo performer“ und „Bird and person dyning“) bis zur Uraufführung des Ensemblestücks „Panorama 2“ im Jahr 2011. Eines der bedeutendsten Stücke Luciers, „I am sitting in a room“ (1970), bildet das zentrale Strukturelement unseres Films.

Ein eigenes Kapitel widmet sich den Anfängen von Luciers Pioniertätigkeit. Lucier erzählt, wie er von John Cage und David Tudor beeinflusst wurde und wie er mit den anderen Mitgliedern der Sonic Arts Union abseits des Mainstreams der elektronischen Musik und der europäischen Tradition nach neuen Wegen gesucht hat. Cage hatte ihm vermittelt, dass Entdeckungen zu machen wichtiger sei, als Fehler zu vermeiden – ein Prinzip, dem Lucier sein Leben lang treu geblieben ist. Er erklärt uns jedoch auch, worin sich seine Arbeitsweise deutlich von Cage unterscheidet. Während Cage den Zufall als Grundlage von „nature’s manner of operation“ ansah und daher das Prinzip von Ursache und Wirkung in seiner Musik ablehnte, arbeitet Lucier mit diesem Prinzip, setzt es aber so ein, dass Ursache und Wirkung ihre Vorhersagbarkeit verlieren.

Viele Stücke Luciers leben von ihrem visuellen und theatralischen Reiz. In („Music for solo performer“ (1965) sitzt Lucier unbewegt mit Elektroden am Kopf vor dem Publikum. Dabei werden die Alphawellen seines Gehirns verstärkt und an Lautsprecher geleitet, deren Membranen Schlaginstrumente zum Klingen bringen. Nur durch die Nicht- Aktivität des Aufführenden kommt das Stück überhaupt zu Stande. In einer Parallelmontage verbinden wir neue Aufnahmen dieses Stückes aus Den Haag mit Archivmaterial von 1976. In den Dünen vor Den Haag liegt auch der „Celestial Vault“, ein künstlicher Krater von James Turrell. An diesem Ort wurde Luciers Arbeit“ Sferics“ (1981) aufgebaut, bei der mit Antennen natürliche Radiowellen aus der Ionosphäre hörbar gemacht werden – eine auch visuell einmalige Konstellation. Im Kunsthaus Zug konnten wir zudem eine spezielle Variante der Installation „Music on a long thin wire“ (1977) dokumentieren, bei welcher der klingende Draht durch mehrere Räume des Kunsthauses gespannt war.

Die Kamera beobachtet Lucier bei Proben und bei der Arbeit mit Technikern und Musikern. Auf klare und humorvolle Art erklärt und kommentiert er seine Werke. Und er kocht uns seine „Pasta for tired dancers“, ein Gericht, das ebenso auf das Wesentliche reduziert ist wie Luciers Kompositionen - alles Überflüssige wird weggelassen und die Aufmerksamkeit nur auf das jeweilige Phänomen selbst gelenkt. Eine Haltung, bei der Geduld und Zurückhaltung eine zentrale Rolle spielen.

„If you are dealing with an acoustical idea, you don’t want to interfere with it, because then it distracts from the perception. You let it go for a while and something wonderful is going to happen sooner or later. It is like waiting in the woods for an animal to come by. You’ve got to be still, otherwise it will never come by.“

Viola Rusche geb. 1960 in Kiel, Musik- und Kunststudium in München und Düsseldorf, lebt in Berlin als freie Cutterin und Filmemacherin. Schnitt von Künstlerdokus (u.a. Angela Winkler, Thomas Brasch), Fernsehfeatures.

Hauke Harder
1963 geboren in Heide/Holstein
1989 Beginn der kompositorischen Arbeit
1991/92 Privatunterricht bei Wolfgang von Schweinitz
1989-1999 Veranstaltung von Konzerten zeitgenössischer Musik im Rahmen der 'Gesellschaft für akustische Lebenshilfe‘ (Kiel)
Seit 2009 Arbeiten im Bereich Film

Filme von Rusche & Harder:
2016 A Shape of Time – the composer Jo Kondo, 100’
2014 Zeile für Zeile, Ein Film über den Komponisten Ernstalbrecht Stiebler, 33’
2012 No Ideas But in Things – the composer Alvin Lucier, 97’
 
Bild: Thinking Together