Über Immersion

Immersion

Go in instead of look at – dieser Gedanke von Allan Kaprow ist Leitmotiv unserer auf mehrere Jahre angelegten Programmreihe Immersion. Seit 2016 präsentieren wir darin künstlerische Arbeiten, die oftmals im Grenzbereich zwischen Ausstellung und Aufführung angesiedelt sind. Im Haus der Berliner Festspiele, im Martin-Gropius-Bau und an anderen Spielorten präsentieren wir wegweisende künstlerische Positionen und erforschen und befragen Formate, Erzählweisen und Alltagspraktiken, die unser Verhältnis von Aktivität und Passivität neu vermessen.

Im Herbst 2016 eröffnete das Programm mit Mona el Gammals Narrative Space „RHIZOMAT“ in einem ehemaligen DDR-Fernmeldeamt, der ungewöhnlichen Museumsführung „Symphony of a Missing Room“ von Lundahl & Seitl, der Ausstellung »Reden ist nicht immer die Lösung« von Omer Fast sowie dem diskursiv-performativen Wochenende „Schule der Distanz“ im Gropius Bau. Gemeinsam mit ARTE und INVR.SPACE entstand der 360°-Film „RHIZOMAT VR“, der Mona el Gammals Narrative Space in den digitalen Raum verlängert und im März 2017 beim SXSW (South by Southwest) Festival in Austin, Texas seine Weltpremiere feierte. Seither ist er sowohl in unserem von TheGreenEyl entworfenen mobilen Virtual Reality Experience Space als auch in der ARTE360VR-App zu sehen.

Im Juli 2017 bespielten wir die erste Etage des Gropius Bau unter dem Titel „Limits of Knowing“ mit einem Cluster aus drei Ausstellungsmodulen: Für die szenische Installation „Nachlass – Pièces sans personnes“ erarbeiteten Rimini Protokoll gemeinsam mit Menschen acht Räume, die nach ihrem Tod an sie erinnern sollen. Die Grenzen des eigenen Körpers und der Wahrnehmung standen im Zentrum der multisensorischen Rauminstallation „Haptic Field (v2.0)“ von Chris Salter + TeZ, und die von Isabel de Sena kuratierte Ausstellung „Arrival of Time“ erkundete in Zusammenarbeit mit Künstler*innen und Wissenschaftler*innen des LIGO California Institute of Technology ein neues Verständnis von Zeit, wie es durch die erstmalige Messung von Gravitationswellen im Herbst 2015 entsteht. Lundahl & Seitl inszenierten mit „Unknown Cloud on Its Way to Berlin“ ein soziales Kunstwerk, das via Smartphone Menschen auf dem Tempelhofer Feld zusammenbrachte, um ein kosmisches Phänomen zu erleben, das erst durch eine App wahrnehmbar wurde und eine intensive Gemeinschaftssituation schuf.

Auf ganz andere Weise geschah das auch in der Erschaffung und Inszenierung eines kompletten eigenen Theaters durch Vegard Vinge und Ida Müller. Über ein halbes Jahr bauten sie ihr „Nationaltheater Reinickendorf“ in eine ehemalige Industriehalle und bespielten es an zehn Abenden u.a. mit der Fortsetzung ihrer „Ibsen-Saga“ und einem Hamlet-Musical. Vom September 2017 bis zum Januar 2018 war die Ausstellung „Old Food“ von Ed Atkins im Gropius Bau zu erleben. Für die Räume des Ausstellungshauses entwickelte Atkins seine bisher umfangreichste Installation. Neuen computergenerierten Arbeiten auf großen Monitorwänden und Flat-Screens stand eine Fülle von Kostümen aus dem Fundus der Deutschen Oper Berlin gegenüber, die als Objet Trouvé so ausgestellt wurden, wie sie dort eingelagert sind. Gemeinsam mit dem Komponisten Bernhard Lang und unter der musikalischen Leitung von Simone Young brachte dann Jonathan Meese im Oktober 2017 mit der Wagner-Überschreibung „MONDPARSIFAL BETA 9–23“ eine große Oper auf die Bühne des Festspielhauses. Meese zeichnete für Regie, Bühnen- und Kostümbild verantwortlich und rahmte die Aufführungen durch die eigens für das Haus der Berliner Festspiele produzierte Installation „ERZGRÜNER TOTALSTHÜGEL DE LARGE (EVOLUTIONSPARSIFAL’S MONDRAUM)“.

Im Januar 2018 wurde der von Eva Veronica Born gestaltete Lichthof des Gropius Bau zu einem Konferenzort. In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung veranstalteten wir die von dem Theater- und Medienwissenschaftler Andreas Wolfsteiner konzipierte internationale Konferenz & Ausstellung „INTO WORLDS. Das Handwerk der Entgrenzung“, die den Künsten der Immersion in drei Bereichen nachforschte: in spektakulären Unterhaltungsformaten, spirituellen Mentalpraktiken und handwerklichen Körpertechniken. An einem 110 Meter langen Tisch begaben sich Künstler*innen und Wissenschaftler*innen in einen offenen Austausch mit dem Publikum, während in den umliegenden Ausstellungsräumen u.a. Videokunst aus der Julia Stoschek Collection, eine Virtual Reality Experience und eine Sound-Installation zu erleben waren.

Im April 2018 setzen wir unsere Kooperation mit ARTE mit dem 360°-Film „Mutter und Sohn = Realität trifft Kunst (Z.U.K.U.N.F.T. der Unendlichkeit)“ fort. Die erste Virtual-Reality-Produktion von Jonathan Meese und seiner Mutter Brigitte Meese ist eine Reise ins Herz der Diktatur der Kunst. Im virtuellen Atelier des Künstlers erleben die Betrachter*innen die Entstehung eines 360°-Gesamtkunstwerks der Zukunft. Für die Erstpräsentation vom 21. bis 29. April 2018 wird der von Jonathan Meese während der Dreharbeiten gestaltete Raum im Gropius Bau wieder aufgebaut. Besucher*innen können dort die Entstehung eines Kunstwerks im Kunstwerk selbst erleben. Ab diesem Zeitpunkt wird der Film auch in der kostenlos erhältlichen ARTE360 VR-App und auf der ARTE-Website verfügbar sein.

Der Sommer steht im Zeichen zweier großer Ausstellungen im Gropius Bau. Seine erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland gestaltet der französische Künstler Philippe Parreno als einen lebendigen Organismus, der durch Licht, Klänge und Bilder in Bewegung versetzt werden kann. Hierbei geht es weniger um das einzelne Objekt als vielmehr um das choreografierte Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten. Die Anwendung von Zufallsmethoden erlaubt der Ausstellung, sich über einen bestimmten Zeitraum zu entwickeln und zu verändern, sodass das Werk zu eigenem Leben erwacht und eine gespenstische Präsenz entwickelt. Es entstehen performative Momente, bei denen die Objekte mehr als die Summe ihrer Teile produzieren – eine Choreografie von Absenz und Präsenz, die das Wissen über die Gleichzeitigkeit der Dinge und deren Kontrolle herausfordert.

Ein neues Format zwischen Gruppenausstellung und Aufführungskunst entwickeln die Kuratoren Tino Sehgal und Thomas Oberender für „Welt ohne Außen. Immersive Räume seit den 60er Jahren“. Ausgehend vom Light and Space Movement der späten 60er Jahre über Arbeiten zeitgenössischer Künstler*innen wie Dominique Gonzalez-Foerster und Cyprien Gaillard bis hin zu Performances und Workshopangeboten spannt die Ausstellung ein Panorama unterschiedlichster immersiver Praktiken, durch die Kategorien wie Betrachter und Werk verschwimmen und Subjekt und Objekt an Distanz verlieren. Immersive Arbeiten sind nur in ihrer je eigenen Zeitlichkeit erlebbar – sie brauchen eine Phase der Ankunft, des Ein- und Auftauchens, wofür die Ausstellung eine spezifische Dramaturgie entwickelt.

In der Programmreihe „The New Infinity“ produzieren wir in Kooperation mit dem Planetarium Hamburg von 2018 bis 2020 neue künstlerische Arbeiten für die digitalen Fulldome-Systeme von Planetarien. Fulldome beschreibt den technisch maximalen Bildeindruck unserer Zeit, der als Gruppe erleb- und teilbar ist. Für „The New Infinity“ stellen wir den Kuppelraum Bildenden Künstler*innen, Klangkünstler*innen, Filmemacher*innen und Game-Entwickler*innen als Ermöglichungsapparat zur Verfügung, um mit den Mitteln digitaler Audio- und Videotechnik das zu erschaffen, was seit Menschengedenken in immer wieder neuen Entwicklungsstadien versucht wird: Momente der Entgrenzung zu erzeugen und Ahnungen von etwas erfahrbar zu machen, das die Grenzen unserer Wahrnehmung überschreitet – die Unendlichkeit. Mit einer mobilen Dome-Architektur bringen wir die künstlerischen Produktionen erstmals im Herbst 2018 an öffentlichen Orten in Berlin zur Aufführung.

Immersion erweist sich für uns bei all diesen Aktivitäten als ein Leitbegriff, durch den sich viele künstlerische und gesellschaftliche Entwicklungen unserer Zeit besser verstehen lassen und der auch eine Neubetrachtung klassischer Institutionen, ihres Auftrags und ihrer Arbeitsweisen erforderlich macht. Das Programm Immersion ist für uns ein Ertasten dieses Neulands und der Versuch, eigene, emanzipative Visionen und Formen des künstlerischen Durchlebens zu entwickeln.

Das Programm „Immersion“ wird gefördert durch

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien